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Emilia Roig im Interview

Wie sieht unsere Welt nach dem „Ende der Unterdrückung“ aus, Frau Roig?

Das kann ich nicht sagen, das ist das Schöne daran. Es ist ein Prozess, und die Entstehung dieser Welt wird lange dauern. Ich glaube, wir können uns das jetzt noch gar nicht vorstellen. Was ich aber weiß, ist, dass es eine Welt ohne Hierarchien wäre. Ein Welt voller Unterschiede – das heißt, die Diversität und die Unterschiede, die wir jetzt in der Welt sehen, wären da, aber sie wären nicht mehr hierarchisiert. Es gibt einige Institutionen, die diese Hierarchien verschärfen und perpetuieren, die nicht mehr existieren würden: natürlich die großen Systeme wie zum Beispiel Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat, aber auch deren Beiprodukte wie die Ehe, die Polizei und die Gefängnisse oder die Lohnarbeit, Grenzen und Nationen.

Ihr Buch erweckt Hoffnung auf Veränderung. Glauben Sie daran, dass das möglich ist?

Ich glaube tatsächlich daran, dass es möglich ist – sonst würde ich so ein Buch nicht schreiben und wäre nicht getragen von dieser Vision und dieser Darstellung einer Utopie. Utopien sind lebenswichtig: sie erlauben uns, uns Zukünfte vorzustellen, die im Moment gar nicht möglich sind. Irgendwann war es utopisch, dass die Sklaverei abgeschafft werden würde oder es war utopisch, dass zwei Frauen heiraten und Kinder bekommen, oder der technologische Fortschritt, den wir heute kennen, der war auch irgendwann unvorstellbar. Deswegen ist es wichtig, die Hoffnung nicht zu verlieren: ja, alles ist möglich in unserer Welt. Wir müssen kollektiv daran glauben. Es wird wahrscheinlich nicht im Laufe meines Lebens passieren oder im Laufe des Lebens meines Sohnes – also, nicht in unserer oder der nächsten Generation, aber irgendwann wird es passieren. Ich glaube auch, dass das die Entwicklung unserer Welt ist. Es findet eine Transformation statt, die organisch ist – und vielleicht haben wir weniger Einfluss darauf, als wir denken.

Was ist die sogenannte „systemische Unterdrückung“, von der Sie in Ihrem Buch schreiben, eigentlich genau?

Die systemische Unterdrückung bezeichnet die Auswirkungen der Hierarchien, die auf dem Patriarchat, dem Kapitalismus und Rassismus basieren, auf alle Sphären der Gesellschaft. Das heißt nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf institutioneller, struktureller und historischer Ebene. Es handelt sich um ein gesamtes System und nicht um individuelle Interaktionen oder Meinungen. Dieses System wird zusammengehalten von historischen Ereignissen, historisch gewachsenen Theorien und Wissenschaften, die diese Hierarchien aufrechterhalten. Es mag ein bisschen abstrakt klingen, aber eigentlich ist es sehr pragmatisch. Im Buch spreche ich in jedem Kapitel von den Auswirkungen der systemischen Unterdrückung anhand von sehr konkreten Beispielen, die beleuchten, wie Unterdrückung sich auswirkt: Zuhause, in der Schule, im Gerichtssaal oder den Medien.


Was hat Sie zum Schreiben von „Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung“ bewegt?

Gedanken und Emotionen, die mich bewegt haben und die rausmussten. Ich habe das Buch super schnell geschrieben und sehr intuitiv, das war ein sehr instinktiver Prozess. Ich konnte zwischen Tür und Angel schreiben, habe das gesamte Buch in fünf Monaten geschrieben und auch nebenher – ich hatte ja immer noch meine Arbeit und meinen Sohn, außerdem war’s mitten in der Pandemie. Dennoch: es war ein Prozess, der mir sehr leichtfiel. Ich glaube, ich hatte schon alles in mir – es musste nur raus. Es war einfach sehr wichtig für mich, diese Perspektive in die Welt rauszutragen.


Beim Göttinger Literaturherbst werden Sie mit Lady Bitch Ray auf der Bühne sitzen. Wie wichtig ist der Austausch für Ihr das „Ende der Unterdrückung“?

Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Lady Bitch Ray und bin gespannt. Wir kennen uns persönlich nicht, aber genau das finde ich sehr schön an solchen Literaturveranstaltungen: die Begegnung mit so interessanten Menschen, die auch eine andere Perspektive auf die gleichen Probleme haben. Der Austausch ist auf jeden Fall eine Bereicherung und ich bin sehr gespannt.

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